Wie man sich ein Problem baut

Leitbild zur Artikelserie zum Thema Hypnosystemik

UND WIE UNS DAS PROBLEM BEIM BAUEN EINER LÖSUNG HELFEN KANN.

Aus der Reihe HYPNOSYSTEMIK – WAS IST DAS EIGENTLICH?

von Jennifer Carlé

Wie in den meisten Therapien, Beratungen oder Coachingprozessen geht es auch bei einem hypnosystemischen Coaching um das Finden von Lösungen für Probleme verschiedenster Art. Allerdings gehen wir dabei von einem hypnosystemischen Grundverständnis aus wie Probleme und Lösungen entstehen. Dies wiederum prägt entscheidend unsere Vorgehensweise.
Im folgenden Text können Sie (ergänzend zum Artikel „Der Hypnosystemische Ansatz – eine Einführung“) lesen, wie Sie sich die Anwendung dieses Grundverständnisses in der Praxis vorstellen können.
Falls Sie noch weiter in die Tiefe gehen mögen, finden Sie auf unserer Übersichtsseite alle weiteren Artikel zur Hypnosystemik.

Hypnosystemik — Wie man sich ein Problem baut. Zeichnung von Backsteinen. Menschen haben Probleme und suchen nach Lösungen. Man könnte aber auch sagen: Menschen „machen“ sich Probleme und Menschen sind gerade deshalb auch dazu in der Lage, sich Lösungen zu „machen“. Nur wissen sie oftmals nicht, wie.

Probleme und Lösungen sind praktischerweise nach dem gleichen Bauplan konstruiert. Wer also ein Problem bauen kann, der kann auch eine Lösung bauen. Die Kompetenzen sind da, wir müssen nur lernen sie zu nutzen.

Erleben wird erzeugt: Autonom und von innen heraus. Das Erleben von Unbehagen oder Freude genauso, wie das Erleben von Problemen oder Lösungen. Erzeugt von uns und unserer Wahrnehmung. Die Wirklichkeit könnte man somit als ein selbsthypnotisch gemachtes Konstrukt begreifen. Sie entsteht in unserem Kopf.

Hypnosystemik — Grafik von Erleben wird erzeugt.Das bedeutet: „Dort draußen“ gibt es keine Probleme, sondern nur Phänomene. Zu Problemen werden sie erst durch die individuelle Organisation unserer Wahrnehmung in Abhängigkeit davon, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten und worauf nicht.

Entscheidend hierbei ist z.B. die Bewertung eines bestimmten Phänomens. Es handelt sich somit um eine Art Beziehungsangelegenheit. Wir setzen uns zum Phänomen X in positive, neutrale oder negative Beziehung. Nicht das Phänomen „ist“ ein Problem, sondern die Bewertung „macht“ es zum Problem.

Hypnosystemik — Grafik vom Problemerleben eines MenshenNehmen wir das Phänomen Regen. Regen an sich kann kein Problem sein. Regen ist lediglich ein Phänomen. Die Art und Weise, in der ich mich zu ihm in Beziehung setze, lässt mich ihn in meinem Kopf als Problem wahrnehmen.
Hierfür benötige ich eine Ist-Soll-Diskrepanz. Das bedeutet: der „IST-Zustand“ entspricht nicht dem „SOLL-Zustand.“

Hypnosystemik — Grafik von einem schematischen Gehirn mit Ist-Soll-DiskrepanzEs regnet, aber es soll nicht regnen = Problemerleben. Oder (z.B. für einen Bauern im trockenen Sommer) es regnet nicht, aber es sollte regnen = ebenfalls Problemerleben.
Ohne diesen Gedanken: „So wie es ist, soll es NICHT sein.“ und die Fokussierung unserer Aufmerksamkeit auf eben diesen Gedanken bekommen wir kein Problem.

Beispiel: Ein Problem mit dem Namen „Blöder Regen“
Bleiben wir beim einfachen Beispiel Regen. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit und es beginnt zu regnen. Ich ärgere mich, weil ich nass werde und mich von dem Gedanken beherrschen lasse: „Es soll nicht regnen, ich will nicht nass werden“. Es regnet aber trotzdem unbeirrt weiter und ich habe somit erfolgreich eine Ist-Soll-Diskrepanz hergestellt und mir ein Problem gebaut.
Manchmal passiert aber etwas Erstaunliches, manchmal regnet es so heftig und ich bin in kürzester Zeit so nass, dass es mir plötzlich egal wird oder ich sogar Spaß an der Sache bekomme. Ich denke plötzlich: „Ach was solls, dann werde ich halt mal so richtig nass und spüre das Leben!“ Und schon ist das Problem verschwunden. Am Regen selbst hat sich nichts geändert, aber an meiner Bewertung des Regens. Ein Problem braucht also eine negative Bewertung.

Hypnosystemik — Zeichnung für die Aussage "Erleben wird erzeugt"

Was bedeutet das für das „Herstellen“ einer Lösung?

Erstmal heißt das: Es gibt nichts, was zwangsläufig als Problem wahrgenommen werden muss. Entscheidend hierfür ist die Brille, mit der ich das Phänomen betrachte. Und die Art und Weise, wie ich mich dazu in Beziehung setze. Das ist eine gute Nachricht, denn nur selten obliegt es unserer Macht, die Phänomene an sich zu ändern (z.B. dass es regnet). Unsere Wahrnehmung hingegen ist unsere Angelegenheit und auch von uns beeinflussbar.

Wenn Probleme von uns und unserer Wahrnehmung konstruiert werden, dann können wir sie auch de- oder umkonstruieren – hin zu einer Lösung. Das bedeutet jedes Phänomen kann (auch) in eine Lösung umgewandelt werden.

Wir können also an der Bewertung des Phänomens und somit an unserer Beziehung zum Phänomen arbeiten, um ein hilfreicheres Erleben zu aktivieren. Nichts anderes geschieht in einem hypnosystemischen Coaching. Wir suchen nach Wirklichkeitskonstruktionen, nach Erlebniszuständen, nach Sichtweisen oder Bewertungen der eigenen Geschichte, die uns vom Problemerleben wegführen, hin zu einem Lösungserleben.

Beispiel: ein Problem mit dem Namen „Angst“
Aber machen wir es uns nicht so einfach und nehmen ein komplizierteres Beispiel: Eine Angststörung mit wiederkehrenden Panikattacken.
Maria begibt sich in Therapie wegen unerklärlicher Panikattacken. Verständlicherweise empfindet sie das Phänomen Angst als Problem.
Sie denkt: „So wie es ist, dass ich Angst habe, soll es nicht sein.“ Verständlich, denn Angst ist für die meisten kein schönes Gefühl. (Bungeejumping hingegen macht, so habe ich mir sagen lassen, nur so richtig Spaß mit einer guten Portion Angst, die den Kick ausmacht. Man bedenke also auch hier den Kontext!)
Im Laufe der Therapie gelingt es Maria, ihre Sicht auf das Phänomen Angst zu ändern. Es gelingt ihr, ihre Angst als eine Art Wegbegleiterin zu sehen, die Maria daran hinderte, ihr Leben auf eine destruktive Weise weiterzuführen. Am Ende der Therapie hat sich das Bild der Angst völlig gewandelt. Maria hat ihr Leben so geändert, dass die Angst nicht mehr gezwungen ist, sie „anzufallen“ und „lahmzulegen“. Sie hält sich im Hintergrund und wird nun von Maria als schützender Wachhund empfunden.
Maria ist ihrer Angst mittlerweile sogar dankbar, weil sie sie dazu gebracht hat, ihr Leben und ihren Umgang mit sich selbst zu verändern. Heute würde sie die Angst sogar als Lösung ihrer Probleme betrachten. Man könnte also sagen, Maria hat eine Art Paartherapie mit ihrer Angst gemacht. Indem sie die Beziehung zur Angst veränderte, konnte sie auch ihr Leben in positiver Weise beeinflussen. Das eigentliche Problem lag nicht im Phänomen Angst, sondern darin, dass Maria das Anliegen der Angst nicht verstehen konnte. Die beiden haben sich geeinigt, solange Maria gut für sich sorgt, sich Ruhepausen gönnt und weniger Leistungsdruck aussetzt, hält sich die Angst zurück und verzichtet auf „harte Erziehungsmethoden“ wie Panikattacken. Schlägt Maria allerdings wieder die falsche Richtung ein, macht die Angst ihren Job und zwingt sie damit zum Innehalten.

Die Bewertung eines Phänomens ist nur ein Faktor von vielen, über den wir unser Problemerleben beeinflussen können. Lesen Sie unter Probleme in Lösungen umbauen — Hilfreiches Erleben aktivieren“ welche weiteren Erlebnisfaktoren das Erleben beeinflussen können.

Wollen Sie mehr zum Thema: „Probleme als intrapsychische Beziehungsangelegenheiten“ lesen, dann klicken Sie hier.

Quellen: Meine Texte entspringen dem hypnosystemischen Gedankengut von Gunther Schmidt, welches ich im Rahmen seiner Fortbildungen verinnerlichen konnte. Ich gebe sein Wissen in eigenen Worten wieder und ergänze es durch eigene Gedanken und Schlussfolgerungen. Größtenteils nachzulesen in – Schmidt, Gunther (2013): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten, 5 Auflage, Heidelberg: Carl-Auer