Paartherapie für mein Problem und mich

Leitbild zur Artikelserie zum Thema Hypnosystemik

Probleme als intrapsychische Beziehungsangelegenheiten

Aus der Reihe HYPNOSYSTEMIK – WAS IST DAS EIGENTLICH?

von Jennifer Carlé

In den Artikeln „Wie man sich ein Problem baut“ und „Probleme in Lösungen umbauen“ erfahren Sie, wie ein Problem aufgebaut ist und wie uns dieses Wissen zu einem Lösungserleben verhelfen kann.
Aufbauend darauf beschreibt der folgende Artikel, wie Probleme als Ausdruck von dysfunktionalen inneren Beziehungen verstanden werden können und wie wir mit unserem Problem gemeinsam eine Lösung finden können. Es wird deutlich, dass der Schlüssel zur Veränderung oftmals in der Würdigung und Wertschätzung von Problemen oder Symptomen liegt.

Hypnosystemisches Arbeiten ist immer Beziehungsarbeit. Im klassisch-systemischen Sinne geht es um interaktionelle Wechselwirkungen mit der Umwelt, also Beziehungen mit dem äußeren System. Daneben geht es aber auch und insbesondere um Beziehungen im inneren System: z.B. um die Beziehung zwischen mir und meinem Problem.

Hypnosystemik — Grafik über die Beziehung zwischen Klient, Problem und Berater/Wegbegleiter

Der Klient, der sich (mit seinem Problem) in Beratung oder Therapie begibt, befindet sich klassischerweise in einer destruktiven Beziehung zu seinem Problem. „Ich hasse meine Angst! Sie soll einfach abhauen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Merzen Sie sie aus!“
Wir haben also eine negative Beziehung mit klassischer Ist-Soll-Diskrepanz. So wie es ist: „Dass ich Angst habe“, soll es nicht sein.

Nach einem hypnosystemischen Grundverständnis ist es nun unsere Aufgabe, an der Beziehung des Klienten zum Problem zu arbeiten, um ihm damit Zugang zu einem Lösungserleben zu verschaffen.

Wie kann ich mit dem wahrgenommenen Phänomen so in Beziehung treten, dass es mein Erleben auf hilfreiche Weise beeinflusst?

Hierbei hilft uns insbesondere die Metapher der inneren Anteile. Wenn ich mir mein Problem als ein interaktives Wesen vorstelle, wird nicht nur sehr schnell deutlich, wie es um unsere Beziehung bestellt ist, sondern auch, welche alternativen Interaktionen möglich sein könnten.

Etwas als Problem zu empfinden, ist nur eine mögliche Realitätskonstruktion von vielen. Eine andere Wahrheit ist: Probleme sind immer (auch) Lösungsversuche.

Und genau hier setzen wir an, wenn wir an der „Beziehung“ zu einem Phänomen arbeiten wollen.

Hypnosystemik — Grafik über das Beratungssystem mit der Frage "Welchen anerkennenswerten Sinn könnte das Problem haben?"

Wir versuchen Prozesse, welche bisher von den Klienten und ihrem Beziehungssystem als „Symptome“ oder „Probleme“ erlebt und bezeichnet wurden, aus einer anderen, kompetenzfokussierenden Perspektive zu betrachten.

Denn Symptome, so leidvoll sie sein mögen, sind (oft unbewusste) Interventionen im Dienste bestimmter Bedürfnisse. Sie haben also einen anerkennenswerten Sinn in einem bestimmten Kontext.

Das bedeutet, sie können als wertvolles Feedback darüber verstanden werden, dass etwas nicht optimal läuft. Hinter jedem Problem oder Symptom steckt quasi ein Anteil mit einem bestimmten Bedürfnis, der durch dieses Symptom repräsentiert wird.

Hier muss Übersetzungsarbeit geleistet werden: Alle Schilderungen von „Problemen“ und Prozessen, die bisher als Defizite erlebt wurden, sollten so übersetzt werden, dass sie verstehbar werden als kompetente Botschaften über einen Mangel und damit ein Wissen über das, was gebraucht wird. Die Lösung steckt sozusagen im Problem und wird durch positive Interaktion mit diesem „freigelegt“.

Was ist das also für ein Anteil, der Stress, Depressionen oder Rückenschmerzen produziert? Wofür tut er das? Welches anerkennenswerte Bedürfnis steckt dahinter?

Es geht um die Versöhnung von bisher gegeneinander agierenden Kräften („So wie es ist, soll es nicht sein!“) und damit das Herstellen einer Kooperation zwischen mir (meinem aktivierten Erlebniszustand) und meinem Problem (Erlebniszustand, der das Problem als Lösungsversuch produziert). Eine Kooperation bekommt man bekanntermaßen selten dadurch hin, dass man einen der Kooperationspartner ausschaltet (Auftrag: „Machen Sie das Problem weg!“), sondern eher durch Zuhören („Was könnten die dahinterliegenden Bedürfnisse sein?“).

Man könnte also sagen, wir begeben uns mit unserem Problem in eine Art Paartherapie, um an unserer destruktiven Beziehung zu arbeiten und mit dem Ziel, ein erfüllenderes inneres Miteinander zu führen.

Hypnosystemik — Grafik über das Beratungssystem welches sich in Richtung der gewünschten Veränderung bewegt.

Wenn es uns gelingt, das Symptom oder das Problem verstehbar zu machen als Botschafter für ein anerkennenswertes Bedürfnis, dann verändert sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Beziehung zu diesem Symptom. Es ergibt auf einmal Sinn und hat einen guten Grund zu existieren (Ist-Soll-Diskrepanz löst sich auf).

Die veränderte Beziehung zum Symptom/Problem ermöglicht es uns, mit diesem zusammenzuarbeiten und es somit nutzbar zu machen. Der Lösungsansatz steckt quasi im Problem!

Klient, Symptom und Therapeut arbeiten dann gemeinsam für ein bestimmtes Ziel.

Beispiel: Ein Problem mit dem Namen „nicht auf die Beratung einlassen“

Der Klient lässt sich aus Sicht des Beraters nicht auf die Beratung ein. Hypnosystemisch würde dieses Verhalten als anerkennenswerter Kooperationsbeitrag behandelt werden. Der Klient (bzw. ein skeptischer Teil von ihm) kommuniziert damit, dass er berechtigte Bedenken hinsichtlich der Kooperation hat oder andere Angebote braucht. Das „sich nicht auf die Beratung einlassen“ ist somit kein Problem, sondern ein wertvolles Feedback aus dem intuitiven Wissen des Klienten.

„Bei mir entsteht gerade der Eindruck, dass Sie sich momentan noch nicht so richtig auf die Beratung einlassen können. Unterbrechen Sie mich bitte, wenn ich falsch liege. Ich werte dies als wertvolles Feedback an mich, dass meine bisherigen Angebote noch nicht passend für Sie waren. Ich würde deshalb gerne etwas anderes versuchen und Sie einladen…“

„Dennoch würde ich Sie bitten, unbedingt weiterhin so kritisch zu prüfen, ob meine Angebote für Sie passend sind und mir sofort Rückmeldung zu geben, falls dem nicht so sein sollte. Sie sind der Experte für Ihr Problem und Sie allein können wissen, was für Sie hilfreich ist und was nicht.“

Anstatt sich über das „Nicht-Einlassen“ des Klienten zu ärgern oder gar die Schlussfolgerung zu ziehen, der Klient sei „nicht beratungsfähig“, würdigt der Berater das Verhalten des Klienten als Kompetenz und wirbt für eine Zusammenarbeit mit dem skeptischen Anteil des Klienten.

Beispiel: Ein Problem mit dem Namen „Jammer-Phänomen““

Der Klient fokussiert trotz aller Angebote hauptsächlich auf Defizite und bei jedem Hinweis darauf, dass man Kompetenzen bei ihm erlebt, antwortete er mit „ja, aber…“. Auch dieses „jammern“ ist aus hypnosystemischer Perspektive kein Problem, sondern ein Hinweis über anerkennenswerte Bedürfnisse.

Hypnosystemisch ergibt sich die Aufgabe, sich einen Kontext auszumalen, in dem diese Beiträge als Kompetenz verstanden werden können. Dies fällt besonders leicht durch die Frage nach dem Wofür. Für welche Anliegen also produziert der Klient „Jammer-Phänomene“?

Es zeigt sich so meist schnell, dass solche Phänomene wie Jammern, Defizitfokussierung etc. als anerkennenswerte Lösungsversuche verstanden werden können, die dazu dienen, z.B. Bindung herzustellen oder Wertschätzung für Erlittenes zu bekommen. Oder aber sie können verstanden werden als Versuche, sich vor Enttäuschungen und Überforderungen zu schützen.

Mit diesem Wissen um die Bedürfnisse lässt sich nun gemeinsam mit dem Klienten nach alternativen Lösungen suchen.

Der Schlüssel liegt in der Würdigung und Wertschätzung von Problemen durch das Verstehbarmachen der dahinterliegenden anerkennenswerten Bedürfnisse.
Aufgabe des Beraters ist es, Kontexte anzubieten, in denen Phänomene als Kompetenz dargestellt werden können. Auf dieser Grundlage kann dann besonders nachhaltig nach alternativen Lösungen gesucht werden.

Oftmals ist es eben diese Würdigung und die Unterstellung einer positiven Absicht, die den Unterschied zum bisherigen Verhalten des Klienten ausmacht und die Sicht auf eine mögliche Lösung freimacht

Und es ist oftmals diese Erkenntnis, dass mein Problem zu mir gehört, ein Teil von mir ist, der mich in eine völlig neue Beziehung zu ihm treten lässt. Plötzlich ist es mein innerster, empfindsamster Teil, der sich nicht anders zu helfen weiß, als Symptome zu produzieren. Der Hilfeschrei eines verbannten und ausgegrenzten Anteils, der sich danach sehnt, gehört und integriert zu werden.

Weitere Artikel aus der Reihe: HYNOSYSTEMIK – WAS IST DAS EIGENTLICH?

  1. Der Hypnosystemische Ansatz – Eine Einführung
  2. Wie man sich ein Problem baut – Und wie uns das Problem beim Bauen einer Lösung helfen kann
  3. Probleme in Lösungen umbauen – Hilfreiches Erleben aktivieren

Quellen: Meine Texte entspringen dem hypnosystemischen Gedankengut von Gunther Schmidt, welches ich im Rahmen seiner Fortbildungen verinnerlichen konnte. Ich gebe sein Wissen in eigenen Worten wieder und ergänze es durch eigene Gedanken und Schlussfolgerungen. Größtenteils nachzulesen in – Schmidt, Gunther (2013): Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten, 5 Auflage, Heidelberg: Carl-Auer